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Umsiedeln: eine Idee

Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande H. Müller
Regie: Uwe Schmieder
Dramaturgie: Eckart Seilacher, Franziska Huhn
Spiel und Musik: Liv Bronner, Anete Colacioppo, Rike Eckermann, Andrzej Fikus, Angelina Geisler, Thomas Giegerich, Simon Gläsner, Antje Görner, Markus Götze, Tom Helmprecht, Gregor von Holdt, Nicole Janze, Anders Kamp, Aurora Kellermann, Katharina Kellin, Juliane Kissner, László Klapcsik, Boris A. Knop, Franziska Naumann, Irene Oberrauch, Constanze Roséno, Lilith Rudhart, Wolf Scheidt, Gerd Schönfeld, Jörg Tatarczyk, Judith Thimm, Natascha Zimmermann
musikalische Leitung: Markus Götze
Rauminstallation/Wandzeitung: Richard Rabensaat
Produktionsleitung/ Regieass./ Souffleuse: Natascha Zimmermann
Technik: Nils Marstaller, Micky Esch
Video-Begleitung: Thomas Meyer
Café Müller-Team: Michael Besch, Stefanie Witzlsperger
Die Umsiedler des NNU danken
dem Team der Theaterkapelle für die Möglichkeit zur Umsiedlung (danke Christina, Steffi, Stefan, Holger!); dem Orphtheater für die vielen Leihgaben; Henning Streck vom Deutschen Theater für die Kronleuchter; den Gästen des „Café Müller“ (Paul M. Waschkau, Hans-Werner Kroesinger, R69, sounding); Helmut Sarkowski und Martin Eckermann für den Film "Wege übers Land"; Tom Mustroph; Karl-Heinz Möller, dem Fondrak von 1961; Ulf Harr für das Logo; dem Stylewerk Hartheim für die T-Shirts; Harald Harzheim; der Firma Packesel; Christian Schulz; Micky Esch/HAU; Clara Schmieder; der Volksbühne; allen ehrenamtlichen Helfern, ohne die das Projekt nicht hätte stattfinden können; dem Theaterverlag henschel Schauspiel für die Rechte; Heiner Müller; und den Zuschauern, die mit ihrem Eintrittsgeld dieses Projekt finanzieren.
Fotos der
Umsiedler
Anmerkung zum Umsiedeln
Eckart Seilacher
Umsiedeln heißt: Bedeutung entwurzeln. Widersprüche durcharbeiten, aufbrechen, neu ordnen. Das heißt: ein Stück über eine Utopie machen, ein Kampf gegen das bloße Menschsein. Zutiefst politisch, weil das Menscheln nicht als Schablone dasteht, sondern z.B. als Fondrak, als sympathischer Zyniker, als Säufer von Nebenan, der jeden mit seinem ziellosen, entzauberten Enthusiasmus ansteckt. Ein moderner Mensch. Dabei will das Stück eigentlich eine Renaissance zeigen, eine neue Welt. Da müssen die Kämpfe tiefgehen, da müssen Figuren ihre Ideen wirklich gegeneinander austragen. Menschliche Belange als ernsthafte Problemstellung, als Experiment, das nur dadurch funktioniert, dass es sozialistische, kommunistische und humanistische Ingredienzien mischt, ohne die erwünschte Reaktion und Wirkung festzulegen. Und die Zutaten sind das, was an real existierender Utopie da ist. Wer die Utopien von damals in Frage stellt, muss nachschauen, auf welchem Boden er gerade steht. Da geht es auch um Heiner Müller als Theatergott der Gegenwart, dem der alte sozialistische Zopf abgeschnitten werden soll, weil das nicht zu ihm passt. Dem damit das Rückgrat entzogen wird, der als um sich selbst kreisende Kampfmaschine in der Gegenwart angekommen ist. Die Tragödie damals war doch: dass ein Stück niedergewalzt wird, weil es sich engagiert. Weil es ernsthaft experimentieren will, Explosionen nicht ausgeschlossen. Das Problem waren die Menschen. Das Fleisch passte nicht zum neu zusammengesetzten Gerippe des Sozialismus. Was der Anfang eines neuen Menschen sein sollte, ist heute Schreckgespenst. Das Experiment lässt sich nachbauen. Ist aber nicht beliebt. Weil die Idee der Gleichheit ist heute Feindpropaganda.
Dramaturgisch gesprochen sind hier die Menschen die Vorgänge. Jeder im Ansatz sein eigener Vorgang. Das ist für eine gemeinsame Utopie ein Problem. Das ist antisozialistische Propaganda. Nicht in den Inhalten, sondern in der Form. Heute möchte das jeder gerne hören. Das, nur das, hören die meisten raus. Aber was damals Provokation war, ist heute Chance. Denn der gemeinsame Vorgang steckt dem Stück in den Knochen. Die Vereinzelung, das Credo der kapitalistischen Freiheit und ihr stärkster, emotionaler Feind, kann nicht umsiedeln. Umsiedeln heißt: sich entwurzeln lassen für eine Utopie des Gemeinsamen, Gleichen und ist nicht, wie vielfach gepredigt, Flucht oder Antihaltung. Die reine Antihaltung, am Punk erfunden, ist gutbürgerliche Propaganda. Die Utopie des gemeinsamen Jeder-Nach-Seiner-Fähigkeit-Nach-Seinem-Bedürfnis-Nach-Seiner-Leistung ist Arbeit. Nur nach Leistung ist einfacher, zwar ohne Utopie, aber machbar. Pragmatismus als Propaganda der Gegenwart.
Rede vom 30. 12. 2008 (Umsiedlertreffen zum 13.Todestag von H. Müller )
Vom „Ich“ zum „Wir“
Uwe Schmieder
Aller Anfang ist schwer, liebe NNU-ler und Heiner Müller hatte und hat es auch nicht leicht, sagen jedenfalls die Engel. Und die Sache mit einer „Umsiedlerin“ früher war auch schwierig, zumindestens nach der Premiere 1961. Auch wissen wir aus unserem Künstlerdasein, dass seine Texte keine leichte Kost, aber verdammt guter Stoff sind. Vor allem in ihrer Gruftigkeit. Dennoch ist der müllerische Kosmos für einen Einstieg in ein Referat delikat und schwierig, auch hätte ich hier gern ein paar Engel aufgehängt, keine echten, nur Kopien, vielleicht von Paul Klee, aber auch die waren alle ausverkauft. Nun ja eben nicht!
Also: Ich sehe das ganze hier als einen Selbstverständigungsversuch, sozusagen die eigene Erfahrungswelt in Beziehung zu Müllers Sprachwelt- Apokalypse setzen.
Denn gesucht wird auch hier und immernoch: Die Lücke im Ablauf, das Andere in der Wiederkehr des Gleichen, das Stottern im sprachlosen Text, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende Fehler...
„Die Umsiedlerin“ ist mein liebstes Stück. Die Geschichte hat am meisten Stoff; sie ist auch am frischesten. Es ist ja immer so, am Anfang gibt es eine Unschuld in den Texten, die du nicht wiederfindest. Vielleicht kurz vorm Sterben auf andere Weise..." sagte er und im „Auftrag“ lässt er seinen Engel flüstern: Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem, meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.", und da wir hier in einer Friedhofskapelle agieren schicke ich hinterher:"Die Befreiung der Toten wird uns aus dem anderen Tod nicht herausholen, der die Auferstehung der Lebendigen ist. Der Engel der Revolution wohnt auf den Friedhöfen nur solange, bis er seinen Flug antritt." Die alles entscheidende Frage ist doch: Gibt es in unserer Zeit noch Hoffnung für das „Ich“ und das „Wir“ und einer gemeinsamen Utopie!(Pause) Ohne Hoffnung und ohne Verzweiflung leben, war seine Maxime. Wir leben heute in einer Zeit: In der immer weniger Geld für Kultur ausgegeben wird, in der viele Künstler und viele unserer Zuschauer auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit und Hartz 4ler Dasein wieder anfangen zu hungern, in der halbvolle Zuschauerräume keine Seltenheit mehr sind, in der offenbar die Notwendigkeit „freies, experimentelles, politisches Theater“ zu machen, immer mehr in Frage gestellt wird und verschwindet!
Wir fordern deshalb: Gebt "den Freien" endlich eine ausreichende finanzielle Unterstützung und hin und wieder einen Ort zum Arbeiten. Gebt dem NNU einen Kulturpalast in dem wir unter freien Bedingungen, jenseits von „Lilientälern“ und heiligen „Sophienhallen“ produzieren können. Gebt uns den Raum, die Zeit und das Geld, um in notwendiger Ruhe und Gelassenheit schöpferisch tätig sein zu können!
Denn: Wie sehen denn die freien und experimentellen Arbeitsformen in den dafür zuständigen freien Theaterhäuser heute aus. Wer spielt eigentlich in den Spielstätten der sogenannten freien Theaterszene!
Und was sehen wir da für ein Theater! Freies Theater? Wo ist denn das „freie Theater“ (das politische Theater) hin, welches die verlorengegangene Poesie einer früheren Zeit noch nicht aufgegeben hat? Wer ist heute noch Avantgarde? Warum haben die Feuilleton- Kritiker soviel Macht, mit Ihren persönlichen „Kunstmeinungen“ das Theater zu verstimmen.
Ich klage an: Die zum himmelschreiende Ungerechtigkeit einer mafiösen Gruppierung, die bei der Geldvergabe an künstlerische Projekte immer wieder „die selben üblichen Verdächtigen“ und immer wieder die gleichen Spielstätten auswählt,die Theaterkritiker, die mit Ihren Rezensionen eigene Theaterpolitik machen und dadurch die Spielpläne aller Theater manipulieren, die schon zur Norm gewordene Theaterlangeweile einer vorhandenen existierenden „Theaterclique“, die immer öfter und unausweichlich das Sehen und Hören beherrscht.
Ich fordere: Das auch wir, die Nichtprivilegierten „Freien Künstler" in Zukunft mehr Rechte haben. schom Müller sagte: „Utopie ist ja zunächst nichts weiter als die Weigerung, die gegebenen Bedingungen/ Realitäten als die einzig möglichen anzuerkennen, ist also der Drang nach dem Unmöglichen. und wenn man das Unmögliche nicht verlangt oder will, wird der Bereich des Möglichen immer kleiner“.
Nur am Rande sei bemerkt, dass das was ich hier als mafiöse Machenschaften bezeichne, ja nur deshalb funktioniert, weil es genug Leute auch in unserer „freien Szene“ gibt, die die Regeln des Spiels verstanden haben und aktiv an dieser Unart Kultur/ Geld/ Politik teilnehmen und es wäre äußerst interessant herauszufinden, wie man den ganzen Mist aushebeln könnte.
Das wäre dann auch ein Thema für unsere Diskussion, hier, oder im Cafe Müller, oder überall da draußen in der Welt.
"WIR "die "Freien" können Neues Notwendiges erwecken und politische Kräfte motivieren, die Utopien und Visionen hervorbeschwören. Durch unzeitgemäßen Arbeitsmethoden, eine zeitgemäße Konzentration auf die stattfindende Realität, durch die Reduktion auf das minimale Notwendige, besitzen wir theatralischen Waffen. WIR arbeiten unten! Ganz, ganz unten. Im Untergrund. Auf dem baut alles auf, jede Schicht, ja der gesamte Überbau. Nichts geht ohne uns. Wir funktionieren wie ein Fundament. Wir werden auf einem Gebiet arbeiten, wo „Professionalität“ gefordert ist, aber nicht als Zensurwort missbraucht wird. Was gesagt werden muss, muss gesagt werden dürfen und darf sich keinem ästhetischen Kompromiss unterwerfen. Unsere theatralischen Spektakel sollen keinerlei “Geschmacksniveau” unterliegen und keinerlei Erwartungen erfüllen müssen. In dem Moment nämlich wo „unsere Kunst“ Erwartungen erfüllen muss, haben wir verloren. Wir müssen überraschen, verunsichern, aber auch wiedererkennend unterhalten. Unsere künstlerische Arbeit bewegt sich dadurch zwangsweise immer an der Grenze zum Scheitern. Unser Motto: Die Umsiedler von Friedrichshain 2008/09 lernen von den Umsiedlern von Heiner Müller 1961. Aus Nichts oder fast Nichts machen wir viel oder Vielmehr! Durch „Freisetzung“ von Arbeit entsteht der neue Umsiedler mit neuen Visionen und Utopien! Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Ketten und den Spaß an unserer Arbeit. Lasst uns einig sein, um nicht ganz zu verschwinden aus der Welt des Theaters!
"Am Verschwinden des Menschen arbeiten viele der besten Gehirne und riesige Industrien. Der Konsum ist die Einübung der Masse in diesen Vorgang, jede Ware eine Waffe, jeder Supermarkt ein Trainingscamp. Das erhellt die Notwendigkeit der Kunst als Mittel, Wirklichkeit unmöglich zu machen. Ich sehe da eine Möglichkeit: das Theater zu benutzen, um Phantasieräume zu produzieren, Freiräume für Phantasie - gegen diesen Imperialismus der Besetzung von Phantasie und der Abtötung von Phantasie durch die vorfabrizierten Klischees und Standards der Medien. Ich meine, das ist eine primäre politische Aufgabe, auch wenn die Inhalte überhaupt nichts mit politischen Gegebenheiten zu tun haben." In diesem Sinne lasst uns anfangen zu arbeiten. Heiner Müller! und Uwe Schmieder
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