In der „Hamletfabrik” wird politisches Theater fabriziert. Das Theaterspektakel „Hamlet:Maschine Ophelia” kombiniert verschiedenste Theaterästhetiken, benutzt die Kraft von Theaterbildern und lässt Menschenmassen im Theater wie auf dem Laufsteg der Welt aufeinander treffen. Hier wird getanzt, gesprochen, gebrüllt, geschwiegen, gelacht, geweint, gelogen, gesungen, musiziert, gestöhnt, verweigert und gegen die Langeweile gespielt. Hamlets und Ophelias sind als revolutionäre Kraft im Chor vereint. Zwar unterschiedlich in den Sprachen und Vorstellungen, doch gleich gesinnt in ihren künstlerischen Ansprüchen, sind die Hamletfabrikarbeiter, wie auch Müllers Figuren Hamlet- Mann und Ophelia- Frau auf der Suche nach dem Sinn von Theater und ihrer Rolle im Leben.
„Hamlet:Maschine Ophelia” ist ein Spektakel über Liebe, eine Collage über Kriege und Versöhnung. Ein gemeinsames Suchen nach einer Utopie und der Versuch mögliche überlebungsformen zu finden, auf dem großen Schlachtfeld der Ungerechtigkeiten unseres (Theater) Lebens.
Untergrundmüller
von Martin Linzer, Theater der Zeit
Betr. Heiner Müller und der NNU
Anmerkungen zum Antrag des NNU auf Basisförderung durch den Senat von Berlin
Abseits der offiziellen Gedenkveranstaltungen zum 80. Geburtstag Heiner Müllers im Januar 2009 in Akademien und hauptstädtischen Theatern hatte die als NNU (Neuer notwendiger Untergrund) definierte Gruppe um den Schauspieler und Regisseur Uwe Schmieder in der Theaterkapelle in Friedrichshain ein Müller-Programm erarbeitet. Trotz kurzer Probenzeit und fehlender öffentlicher Unterstützung erreichten die beteiligten, überwiegend jungen, zumeist in der freien Szene beschäftigten Künstler ein überraschendes Ergebnis. Mit Witz und Humor, aber auch mit Neugier und tiefem Respekt vor dem Werk des Autors zeigten sie, „wie man einen toten Dichter in einen lebendigen verwandelt, indem man ihn nämlich als Aufforderung zum Handeln begreift” (Theater der Zeit, 2/09).
Die Erfahrung dieser Arbeit und ihr Erfolg haben Uwe Schmieder und seine Mitstreiter jedenfalls ermutigt, sich auch ohne materielle Absicherung weiter mit dem Werk Heiner Müllers als „Aufforderung zum Handeln” auseinanderzusetzen. Im Sommer 2009 fuhren Mitglieder des NNU nach Rom, um mit italienischen Kollegen an einem Müller-Projekt (Hamlet-Fabrik I) für eine Open-air-Veranstaltung zu arbeiten. Im Januar 2010 folgte eine Gruppe der italienischen Kollegen einer Einladung nach Berlin, um gemeinsam, mit den bis dahin gesammelten Erfahrungen an dem Projekt weiterzuarbeiten. So entstand „hamlet: maschine OPHELIA” nach Heiner Müller als „Hamlet-Fabrik II”.
War im Programm des Vorjahrs die „Umsiedlerin” eher Anlaß oder Ausgangspunkt für ein weiter ausholendes Konzept, so steht diesmal die „Hamlet-Maschine” Heiner Müllers deutlich im Mittelpunkt der erzählten Geschichte, allerdings ergänzt durch andere Texte, nicht nur Müllers (z.B. Auftrag), auch von Shakespeare (eine Beziehung zum „Original” herstellend), Ulrike Meinhoff und anderen, auch durch Lieder, choreographische Einlagen und Video-Einblendungen.
Die Inszenierung verstehe ich auch als eine Fortschreibung des Müller-Textes. Sie behauptet, anders als ihr Autor, die 1977 entstandene „Hamlet-Maschine” nicht als Endpunkt der Geschichte, sondern als Ausgangspunkt für eine Reise in die politische Gegenwart Europas, die alternativlos, auch utopielos scheint, aber nicht ohne Hoffnung sein kann/darf. Der Auftrag ist noch gültig, er wird weitergetragen ... Insofern setzt sich die Inszenierung eigenständig, auch eigenwillig mit dem Text auseinander, sie folgt durchaus Heiner Müller, auch wo sie ihn zu korrigieren scheint. „Wir sind nicht an Lösungen interessiert”, meint der NNU, „als vielmehr an der Produktion von Problemen.”
Wieder besticht, ja begeistert das sich im Spiel ausdrückende Engagement der mitwirkenden Schauspieler, Sänger, Tänzer, Musiker, Techniker, eingeschlossen der ins Spiel nahtlos integrierten Italiener. Wieder war die Probenzeit kurz (und die Mittel karg), aber die im wesentlichen von denselben Kräften getragene Aufführung des Vorjahrs wie auch die Arbeit in Rom haben das Team gekräftigt, es zusammengeschweißt.
Was ich hauptsächlich sagen will: in den Leuten um Uwe Schmieder (NNU) steckt meines Erachtens noch ein großes künstlerisches Potential, das darauf drängt, den eingeschlagenen Weg eines sich als politisch verstandenen Theaters, also eines im Sinne Brechts eingreifenden weiterzugehen. (Sie sagen: die Gruppe sucht Wahrhaftigkeit in theatralischen Vorgängen.) Heiner Müller wird ihnen dabei Vorbild wie Gegenstand bleiben.
Dafür braucht die Gruppe materielle Hilfe. Neue und größere Projekte, wenn sie auch eine größere Öffentlichkeit erreichen wollen - was sie verdienen -, sind allein mit der in der freien Szene üblichen Selbstausbeutung nicht mehr zu schaffen. Deswegen sollte die Gruppe diese Hilfe in Form einer angemessenen effektiven Förderung auch erhalten.
Martin Linzer Berlin, den 28. Januar 2010
Fotos von der Icarus-episode in der Hamletfabrik von Jens Schünemann
HAMLETFABRIK von Rom nun auch in Berlin
von Uwe Schmieder
„Die Hamletfabrik“ ist ein Fragenkatalog der nach Antworten sucht und dabei möglicherweise gestisches Theater fabriziert. Es ist wie eine Bildbeschreibung einer apokalyptische Gespensterbahn voller Zombies, an einem fremden Ort, an dem getanzt, gesprochen, geschwiegen, gesungen, gelacht, geweint, musiziert, gebrüllt, gestöhnt, gelogen, verweigert und gegen die Langeweile gespielt wird, was das Zeug hält. Alles ist genau so wie in jedem andern, wahrhaftigen Theater auch. Es will sich nicht von diesem Theater unterscheiden und doch istes anders. Es kombiniert verschiedenste Ästhetiken, benutzt Millionen von Bilder und erstarrt in rasendem Stillstand. Die Hamletfabrik ist eine „Modenschau von lebenden Toten und toten Lebenden“, vereint im revolutionären Chor. Zwar unterschiedlich und mehrsprachig in der Sprache, aber gleichgesinnt in der Kunst sind die Darsteller wie Müller- Maschinen- Menschen auf der Suche nach einer revolutionären Kraft. Hamlet und Ophelia sind immernoch auf der Suche nach der Liebe auf dem Schlachtfeld von Männern und Frauen das zum Theater wird."hamlet:maschine -ophelia" ist nur die logische Konsequenz und der nächste Schritt von einer längeren Auseinandersetzung des NNU mit Heiner Müllers Texten. Vorausgegangen sind mehrere Theateraufführungen und Projekte mit diesem Autor seinen Texten, seiner Sprache, seiner Dramatik und seiner Theaterauffassung.Müllers genaue Beschreibung von einem fiktiven Ort und den dortigen möglichen Tötungsversuchen (Bildbeschreibung)und die Verneinung des eigenen "Ichs" in einer unabdingbaren Hölle auf Erden (Hamletmaschine)sind unsere Ausgangspunkte. Der Kampf des Bewussten mit dem Unterbewussten und die Gesetze der Bewegung von Zeitabläufen, ist der Antrieb für diese Textfabrik. Die berühmte Wiederkehr und Wiedererkennung des Immergleichen, die Macht- und Beziehungsspiele zwischen Mann, Frau, Vogel, das „Ich bin nicht Hamlet, Müller, Meier, Schulze“, die Lücke im Ablauf, das Stottern im sprachlosen Text, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende FEHLER ist unser Programm. Die Lebenden belasten das Ballett der Toten mit ihren Schatten und Tanzschritten.
Die Vergangenheit bestimmt die Zukunft, die adurch dnicht mehr frei wählbar und gestaltbar ist. Die Dimensionen des Scheiterns betrifft alle unmittelbar. Hamlet, Ophelia, Müller, Wir, Ich ‒ der gefrorene Sturm.
H. Müller verlässt in der „Bildbeschreibung“ und in der „Hamletmaschine“ jegliche erzählende oder dramatische Struktur. Er setzt nach der Geschichte, nach dem Konflikt an. Hamlet und Ophelia in der Hamletmaschine, der MANN, die FRAU, der Vogel in der Bildbeschreibung stehen nicht mehr im Stück, sondern nach dem Stück, nach dem Tod, nach dem Theater. Hamlet tritt heraus aus seiner Rolle. Er steht über dem moralischen und praktischem Problemen der klassischen Hamletsituation. Ein vergebliches, nicht spielbares Endspiel. Die sich stellenden Fragen in der Bildbeschreibung nach der Tat, dem Augenblick dazu, lässt Müller unendlich viele Möglichkeiten durchspielen. Jede Parteinahme erübrigt sich. Wir befinden uns zwischen den Fronten und auf beiden Seiten der Front. Das Für und Wider ist aufgehoben. Jegliche Situation ist entgrenzt, das eingreifende „Ich“ hoffnungslos auswechselbar. Wir befinden uns in einer Zeit, wo der Ekel zum Privileg wird. Ebenso tritt Ophelia heraus, als Summe von Übererfahrungen des Schmerzes und des Verlustes. Sie verwandelt sich zuletzt zur wildharrenden Elektra in furchtbarer Rüstung. Keine Philosophie rettet Sie/ Uns, oder bringt irgendeine Orientierung in diesen Zustand der Verwahrlosung. Und wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.
Hitze und hohe Hacken
von R. Rabensaat
Ein Zug hochhackig einher stöckelnder Frauen und in ordentliche Anzüge gehüllter Männer schiebt einen Rollstuhl über den holprigen Boden des ehemaligen Militärlagers. Steine liegen auf dem staubigen Boden, Stühle stehen im Weg. Ein Stadionscheinwerfer beleuchtet die sonderbare Szenerie. Klopapierbahnen bedecken den Frauenkörper der auf dem Stuhl sitzt. Auf ein Podest gehoben thront das Gerät einen Moment in der Hitze der Sommernacht, dann fangen die Schauspieler an, Ophelia von ihren Papierfesseln zu befreien.
Sie küssten und sie schlugen sich, bei der Aufführung der „Hamletmaschine” in Rom im „Forte Prenestino”. Die aus deutschen und italienischen Textpartien bestehende Aufführung der Theatertruppe ”Neuer Notwendiger Untergrund” gelang, obwohl die einwöchige Probenzeit für den assoziationsreichen Text von Heiner Müller eigentlich viel zu kurz bemessen war. Was als eine Art Extended- Theater-Workshop des freien Theaterensembles mit angegliedertem Tourismusprogramm gedacht war, entwickelte sich schnell zu einer arbeitsintensiven Aufführungsvorbereitung. Am Ende stand eine Version des mittlerweile klassischen Stückes, mit der sich Regisseur U. Schmieder und das Ensemble auf einer Höhe mit den Darbietungen befanden, die im H. Müller Jahr 2009 in Berlin stattgefunden hatten.
War Hamlet schon bei Shakespeare eine recht blutige Angelegenheit, so setzt Heiner Müller dem machtfixierten Gemetzel noch eins drauf. Gleich in der ersten Szene wirft Hamlet der gaffenden Trauermeute den Leichnam seines Vaters buchstäblich zum Fraß vor. ähnlich unerfreulich geht das Drama weiter und entwickelt dabei eine schwer durchschaubare Dynamik. Thema der Aufführung in Rom war, entsprechend der Interpretation Müllers, nicht Hamlet als Rächer seines von der Verwandtschaft gemeuchelten Vaters, sondern Ophelia und ihr Emanzipationsprozess. Bekannt geworden ist die verliebe Nebenfigur der Ophelia als Wasserleiche. Dem gemäß ist sie als Person im Stück eher lethargisch konnotiert. Der Regisseur aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, die andere Seite der ertrunkenen Schönheit, die schon H. Müller im letzten Akt seiner Fassung des Stückes entdeckte, heraus zu kitzeln. Ophelia wird zu Elektra. „Ich verwandele die Milch meiner Brüste in tödliches Gift”, spricht sie „es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand, der Tod.” Vom englischen Dichter eigentlich als schmückendes Beiwerk gedacht, mutiert Ophelia zur dominanten
Rächerin. Für die Wandlung der Ophelia, die Schmieder in viele Personen aufspaltete, für die Raserei des Dänenprinzen, für die Auflösung des Shakespeare Stückes zur neuzeitlichen Trash - Collage
fand der Regisseur in Forte Prenestino ein wundervoll
stimmiges Ambiente. In der hochsommerlichen Hitze Roms hauchte die Schauspielerschar aus italienischen und deutschen Darstellern ohne irgendeinen finanziellen Hintergrund dem Stück ein fiebriges Leben ein. Möglich wurde die Aufführung durch Aurora Kellermann. Die Italienerin wuchs in Rom auf und vermittelte den Kontakt zu „Forte Prenestino”. Das ausladende ehemalige Militärgelände mit wild bewachsener Festungsmauer, abgrundtiefem Burggraben und eisenbewehrtem, fest
verrammeltem Eingangsportal erwies sich als so groß, dass selbst das fünfzigköpfige Ensemble eher schmückendes Beiwerk blieb. Vor Urzeiten erbaut um französischen Soldaten Unterschlupf zum Sturm auf Rom zu bieten, besetzten das Fort vor rund 23 Jahren autonome Sturmtruppen, um hier alternative Lebensformen zu etablieren. Da offensichtlich niemand weiter gehendes Interesse an dem renovierungsbedürftigen Gemäuer hatte, setzt sich der halblegale Zustand bis zum heutigen Tag fort. Die Vision vom freieren Leben hat sich zu Disko, Getränkeausschank und Dauerkiffen verdichtet, szeneüblich begleitet von diversen Plena und Selbsterfahrungsritualen. Eine neue Erfahrung waren für die gastgebenden Fortbesetzer deutsche Frühstücksitten. Zwei Aktivisten, die sich unvorsichtigerweise bereit erklärt hatten für die morgendliche Versorgung mit Kaffee, Brötchen und Marmelade zu sorgen, erfuhren, dass die tägliche Organisation der Frühstückutensilien für rund 20 Deutsche Münder sie vor unerwartete Anforderungen stellte.Nach beschaulichem Tagesbeginn unter schattigem Dach starteten dann zumeist die Proben in kühlem Ambiente. Eingegraben in die hügelige Landschaft des Forte eröffneten hohe Gewölbe auch bei
Außentemperaturen von stets rund 35 Grad die Möglichkeit konzentrierten Arbeitens. Das Stück Müller war dabei das Ausgangsmaterial, das der Regisseur um etliche italienische und deutsche Facetten ergänzte. Aus zufällig assoziierten Personenanordnungen, gezielt eingeflochtenen Textpassagen und musicalhaften Songeinlagen schälte sich immer mehr ein Stück heraus, in dem Grausamkeit und Egozentrik, Geschlechterkampf und emanzipatorischer Artikulationswille fröhliche Urständ feierten. Rom- steht immer noch, obwohl das Ensemble sich in den ersten Tagen des Aufenthalts in der ehemals imperialen Metropole dessen nicht so sicher war. Knapp getaktete Proben, lähmenden Hitze und ein überaus fruchtbarer, gruppendynamischer Gärungsprozess machten die Meisten vergessen, dass die Stadt am Tiber über wundervolle Museen, extraordinäre Bazars und allerlei touristische Klein-und Großode verfügt, die durchaus einen Blick über die Mauern des Camps wert
waren.
Schließlich gelang das Stück Müllers, verquickt mit Elementen seiner
„Bildbeschreibung”. „Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer gehen, werdet ihr die Wahrheit wissen,” singt gut gelaunt das muntere Ensemble am Ende des Stückes. Auch wenn Müllers Wahrheiten ein wenig kryptisch wirken und der Spruch von Sharon Tates Mördern in keiner Weise zur Identifikation einlädt, faszinierte die Aufführung. In Berlin nun wird der Gedankenflug des Deutschen Dichters unter der Regie Schmieders seine Fortsetzung finden.