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Diskussionsbeitrag: erstens
Micha, Brigade Suppenküche
(Die Definition [Die Gemahl in de s Kr iegsmini s ter s .]
Ein Freund unseres Blattes schreibt uns aus Brünn: Frau v. StögerSteiner,
die Gemahlin des neuernannten Kriegsministers, i s t e ine
Indi v idual i tät . Man hat diesen Eindruck beim ersten Zusammentreffen
und er wird befestigt nach längerem Verkehr. — —
So hat sie, um nur eines zu erwähnen, mit anderen Damen eine
diätetische Küche ins Leben gerufen, wo Damen beschäftigt sind und
wo für jeden Kranken indiv idue l l gekocht wird ....)
Karl Kraus, in: Die Fackel, 10. 05. 1917
Im Gespräch, und beim Amokflanieren im Netz, im Erinnern dieser Erfahrung 'NNU
hamlet:maschine', in chat battles mit den neuen italienischen Freunden;
Durch freundliche Hinweise und Zufallsfunde:
„Die Probleme sind alle für das Projekt“ … ,
Genossen, – was heißt das?
Was bedeutet es im Detail, für der Einzelnen, wenn wir sagen: 'Wir sind so viele, daß wir auch für
uns allein spielen könnten – ganz egal, ob und wieviel Publikum kommt?'
Welche Ziele hat, möglicherweise, solch ein Theaterkonzept?
Vielfalt als Herausforderung, nicht als Glücksversprechen
(Karl Reitter, über Paolo Virno:
„Grammatik der Multitude...“)
Heißt das denn auch: Wir probieren, übersetzen, beleuchten, transportieren, üben Lieder und
erfinden Musik, lernen und verwerfen Texte und Suppen – im Zweifel auch ,nur' für uns?
Um es klar zu sagen: Ich stelle nicht die Frage nach einer konvertierbaren Entlohnung.
Im Gegenteil: Ein durchaus wichtiger und erstaunlicher Bestandteil unserer ungeschriebenen
Übereinkunft ist,daß jede(r) Beteiligte unterm Strich (finanziell) draufzahlt (– zumindest bis auf
Weiteres).
Das, was ich meine, ist etwas komplexer ...
Niemand, glaube ich, oder doch sehr wenige von uns, sind derart neu im Metier, daß ihm/ihr die
Behauptung eines nur halböffentlichen, geschützten Raumes beim TheaterWerden
nötig wäre … ?
Also, ist denn ein NNUEvent
eine Art Darsteller- und
MusikerMesse,
oder soll es das sein?
Eine
weitere Gelegenheit, für alle Einzelkämpfer, sich zu zeigen, in Listen, Rezensionen, Kritiken
aufzutauchen, Kärtchen und Nümmerchen zu tauschen, networking zu üben?
Oder betreiben wir eine Art NoBudgetErasmusProgramm,
um die europäischen OffTheaterBedingungen
nach ihrer Brauch- und
Verwendbarkeit zu erforschen – in erprobter
kulturchauvinistischer Attitüde?
"Die Vielen als Viele sind diejenigen, denen das UnZuhause
gemeinsam ist, und die
diese Erfahrung in den Mittelpunkt ihrer sozialen und politischen Praxis stellen."
(Paolo Virno, „Grammatik der Multitude. Die Engel und der 'general intellect'.“)
Gibt es eine StückeMaschine,
bestehend aus U. Schmieder und – gefühlt – einem halben Dutzend
Dramaturgen, die Jahr für Jahr die Rohform einer Inszenierung ausspeiht? Die zu bedienen man
sich ungern entschlagen möchte?
Unsere gemeinsamen 2 (!) Großerfahrungen
( „
Die Umsiedlerin“ 2009; „hamlet:maschine“ 2010)
– wie geht das für Euch auf? :
Hier eine kommunistische tragische Komödie, mit allen Merkmalen einer Farce über Autorität und
Anarchie; dort ein ganz und gar undramatischer erratischer Textfetzen, der – m. E. – Jahr für Jahr
deutlichere Alterungsspuren trägt;
In Erwägung, der NNU sei nicht mehr, als eine VorForm,
eine andauerndrasende
Übung in
empathischer Improvisation – haben wir beschlossen, es einfach zu genießen (als wellnesstrack,
für die linke Gehirnhälfte)?
Oder was für ein boot camp soll das sein, wo man Pelze und Stöckelschuhe trägt?
"Ein Öffentlichsein ohne Öffentlichkeit, darin besteht die negative Seite das
Schlimme, wenn man so will in
der Erfahrung der Multitude. (...)
Wenn der General
Intellect oder ,öffentliche Intellekt` nicht zur Republik, zur Öffentlichkeit, zur
politischen Gemeinschaft wird, vervielfältigt er ungebremst Formen der
Unterdrückung."
(Paolo Virno, ebd.)
Begnügen wir uns, mit der Behauptung von Öffentlichkeit, die das Theater per definitionem ist?
Und der Tanz auf der Rasierklinge, die virtuose Performanz – ist sie Inhalt und Hülle unserer
sozialen Form? Oder is da / oder is da / oder is da mehr?
Mit dem Marxschen Ausdruck "General Intellect" sei ein wesentliches Merkmal der
Gemeinsamkeit der Multitude angesprochen: Das Gemeinsame der Vielen liegt in
ihrem Vermögen zu sprechen, Sprache(n) zu schaffen, im kollektiven Denken und
Wissen.
(Karl Reitter, über Paolo Virno: „Grammatik der Multitude“)
Was wird der NNU geworden sein, in zwei, drei Spielzeiten?
Probieren wir alle Formen des Arbeitens aus?
Oder lieber nicht, warum sollten wir?
Was wird NNU bleiben, und wer wird NNU bleiben, in einer womöglich mit Fördergeldern
versehenen Grundform?
"Nicht die Politik hat sich der Arbeit angepasst, sondern die Arbeit hat die
traditionellen Eigenschaften des politischen Handelns angenommen." In diesem
Sinne gleiche postfordistische immaterielle Arbeit (Arbeit mit Kommunikation,
Information, Symbolen, Sprache, Affekten) der Arbeit von KünstlerInnen, von
VirtuosInnen: Es handelt sich um ein Sprechen und Handeln ohne direkt greifbares
(stoffliches) Resultat, das zugleich die Anwesenheit der anderen voraussetzt. Ebenso
wie die Künstlerin auf der Bühne das Publikum braucht und eher eine Situation als
ein "Werk" produziert, produziert auch der postfordistische Arbeiter eher Information,
Wissen oder Dienstleistungen für andere und weniger ein autonomes Endprodukt. An
eben diesem Punkt aber nimmt postfordistische Arbeit Merkmale dessen an, was
traditionell als politisches Handeln gilt: öffentliche, situationsbezogene Arbeit am und
mit dem Intellekt und Affekt der anderen. "Wer im Postfordismus Mehrwert
produziert, verhält sich von
einem strukturellen Gesichtspunkt aus gesehen, versteht
sich wie
ein/e PianistIn, eine TänzerIn usw., und infolgedessen wie ein politischer
Mensch." (Paolo Virno, ebd.)