Pressestimmen zur Arbeit des NNU


... das Kollektiv ist gänzlich bei der Sache...









Referenzschreiben von Martin Linzer zur Hamletfabrik
Betr. Heiner Müller-Projekt der Gruppe NNU

Aufmerksam gemacht auf ein Heiner Müller-Projekt in der Theaterkapelle Boxhagener Straße habe ich die sog. Delegiertenkonferenz der „Umsiedler in Friedrichshain" am 29. 12. 08, die Totenfeier am 30. 12. 08 und die Premiere der Werkstattaufführungen „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" am 9. 1. 09 besucht.
Im Rahmen einer Besprechung von Heiner Müller-Veranstaltungen Berliner Theater anläßlich des 80. Geburtstags von Heiner Müller habe ich auch über das Projekt des NNU berichtet, der Beitrag ist in der Zeitschrift „Theater der Zeit" (Februarheft 2009) veröffentlicht. Der entsprechende Passus, der m.E. auch als Referenz für die Gruppe NNU gelesen werden kann, hat folgenden Wortlaut:
Wie man einen toten Dichter in einen lebendigen verwandelt, indem man ihn nämlich als Aufforderung zum Handeln begreift, zeigten ... junge Schauspieler, also jung aus meiner, Perspektive (!), die als NNU (Neuer Notwendiger Untergrund) firmieren, im harten Kern Darsteller des alten (inzwischen totgesparten) Orphtheaters um Uwe Schmieder, die in einer spektakulären Aktion die Theaterkapelle in der Boxhagener Straße besetzten - aus Vertriebenen wurden Umsiedler -, dort am 30. Dezember eine heiter-nachdenkliche „Totenfeier" zelebrierten und in einer Woche ohne Fördermittel eine Müller-Ehrung stemmten: „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande".
Nun war nicht zu erwarten, dass, wo „Umsiedlerin" draufsteht, auch die „Umsiedlerin" in toto drin ist. In einer Woche! Tatsächlich waren die Ingredienzien des Unternehmens eine eher wilde Mischung aus (allerdings zentralen) Umsiedlerin-Mono- und- Dialogen, viel Musik (Kampf- und Volkslieder, Schlager und mehr), aus Briefen, Erklärungen und Doku- Schnipseln; tatsächlich war auch erkennbar, daß der clevere Arrangeur und Animateur (Uwe Schmieder) bereits früher erarbeitetes Material nutzte, von Angeboten der Mitwirkenden Gebrauch machte, die Hauptarbeit in der einen Probenwoche vermutlich darin bestand, dem Abend eine gewisse Struktur und einen Rhythmus zu geben. Erstaunlich bleibt, wie durch das gemeinsame (auch politische) Anliegen, das Engagement aller Beteiligten doch so etwas wie „aus einem Guß" entstand. Die Absicht, die Umsiedlerin- Geschichte, also die Bodenreform, also ganz allgemein den (sozialistischen) Neuanfang, also diese Aufbruchstimmung auch als mentalen Impuls zum Zentrum des Abends zu machen, führte einerseits direkt ins Heute, andererseits zu einer Ausweitung der historischen Optik. Wenn zum Beispiel die Szene „Ich hatt einen Kameraden" aus der „Schlacht" (Stalingrad, die Vorgeschichte) korrespondiert mit der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin: wieder wird an den Gemeinsinn appelliert. (Was schon Brecht wußte, daß etwas faul ist, wenn große Tugenden gefragt sind.) Der historischen Erinnerung diente auch der Hinweis auf die verbotene Uraufführung von 1961 (mit dem Brief eines damals Mitwirkenden) oder das Abspielen des alten TV-Mehrteilers „Wege übers Land" von Helmut Sakowski auf zwei Monitoren, die „realistische" Variante zur Bodenreform-Problematik (wobei auch daran zu erinnern ist, daß von besonders wachsamen Zensoren anläßlich der „Bauern"- Premiere von Marquardt das Sakowski-Epos polemisch gegen Müller in Stellung gebracht wurde - was auch Sakowski Unrecht tat).
Als ich 1961 die Uraufführung der „Umsiedlerin" in Karlshorst sah, haben die Mitwirkenden dieser sympathischen Veranstaltung noch gar nicht gelebt, aber wenn sie - sich frech eines musikalischen Einfalls eines bayerischen Folklore-Ensembles bedienend - sich fragen, ob denn der alte H. Müller noch lebt, und dann diese Frage freudig und lautstark bejahen, haben sie zumindest die skeptische Einschätzung Margit Bendokats relativiert (in einem Buch über Dimiter Gotscheff), dass Gotscheff der mutmaßlich letzte wäre, der Heiner Müller treu geblieben ist. Hier waren nicht nur Müller-Fans am Werk, sondern noch nicht utopieverdrossene Theaterleute, die nicht nur das Wachsen der Wüste bedauern (siehe Kommentar im letzten Heft), sondern neue Oasen (politischen Theaters) in dieser Wüste schaffen wollen. Die muss man pflegen, bewässern (zum Beispiel mit Fördermitteln), und dafür ist in diesem ganz speziellen Fall auch Martin Linzer. Ende des Zitats.
Diese Empfehlung gilt nach den Erfahrungen mit der „Umsiedlerin" vollinhaltlich auch für das neue Heiner Müller-Projekt „Hamletfabrik" der streitbaren Gruppe NNU.

Berlin, den 28. Januar 2009 Martin Linzer
(ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift „Theater der Zeit")



Taz, 30.12.2009
Rohstoff für den Untergrund
WEITERMÜLLERN Das Theaternetzwerk Neuer Notwendiger Untergrund spielt Pressekonferenz und Heiner-Müller-Geist-Verwaltung

von Nils Michaelis

Eine Pressekonferenz als Teil der Inszenierung: Wer fühlt sich da nicht an Medienkampagnen wie für die Kino-Polit-Satire "Ich kandidiere" im vergangenen Herbst erinnert? Doch im Gegensatz zur Witzfigur Horst Schlämmer malträtieren die Aktivisten des Neuen Notwendigen Untergrunds (NNU) ihre Gäste in der Theaterkapelle Friedrichshain mit schwerer intellektueller Kost, um den Spielplan ihrer "Hamletfabrik II" vorstellen. Bis zum 10. Januar werden sie mit Theater, Lesungen und Konzerten das geistige Erbe Heiner Müllers in Erinnerung rufen.

Kalkulierte Albernheit
Eines allerdings hat das Netzwerk freier Theaterschaffender mit Hape Kerkeling, der den vermeintlichen Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl mimte, gemeinsam: Um Politik und Gesellschaft kritisch zu hinterfragen, scheuen sie sich nicht vor kalkulierten Albernheiten. Wie zum Beispiel vor der symbolischen Besetzung des einstigen Gotteshauses an der Boxhagener Straße. Schon die Schlüsselübergabe gibt einen Vorgeschmack auf die teils pathetische Inszenierung der Selbstironie, die das Ensemble prägt: Christina Emig-Könning vom Theaterkapellen-Vorstand reckt die rechte Faust, dass die Dreadlocks durch den Nieselregen wirbeln, und tönt: "Um das Theater wieder in der Mitte der Gesellschaft zu verorten, brauchen wir den Untergrund."
Uwe Schmieder, der künstlerische Leiter des NNU, nimmt den inhaltlichen Faden mit breitem Grinsen auf. Er trägt Narrenkappe, eine Mischung aus Hahnenkamm und Irokesenschnitt. Halb Agitator und halb Clown, stapft er über die Bühne, die die gesamte Theaterkapelle durchmisst, während Mitschnitte vom "Hamletfabrik"-Workshop über aufgetürmte Bildschirme flimmern. Die fast schon sakrale Erwartung einer Verkündigung macht sich breit, als sich der 50-Jährige mit ausladenden Gesten hinterm Katheder hoch über der Bühne postiert und den Geist umschreibt, der hinter dem diesjährigen Müller-Programm steht. "Keine Lösung zu haben, ist die Lösung", dröhnt es über die vollbesetzten Kirchenbänke hinweg: weder für die permanente Krise der Off-Kultur noch für die dem Kapitalismus immanenten Widersprüche.

Zwang und Freiheit
Gemeinsam mit Schauspielerin Aurora Kellermann bedient sich Schmieder aus Heiner Müllers "Zur Lage der Nation" - jenem Gesprächsband, worin sich der am 30. Dezember 1995 verstorbene Dramatiker in gewohnt drastischer Weise an gescheiterten Revolutionen, einem naiven Bild vom "Haus Europa", das die Egoismen und Ausgrenzungsstrategien des Kontinents ignoriert, sowie an Auswüchsen der Konsumgesellschaft abarbeitet. Zum Auftakt der "Hamletfabrik II" formte der Dramaturg Eckart Seilacher daraus ein Plädoyer für die Selbstbefreiung des Theaters.
Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Zwang steht auch im Mittelpunkt der Inszenierung der "Hamlet: maschine". "Stalinistische Zustände, gescheiterte Revolutionen und die Frage, was Theater bewirken kann, sind die Aspekte, die diesen Text für uns interessant machen", sagt Schmieder. Die Darsteller werden dabei vom "Chor der aufgeweckten Visionäre" unterstützt, dessen fröhlich geschmetterte Randfichten-Anleihe "Lebt denn der alte H. Müller noch?" an diesem Tag das Bühnengeschehen untermalt. "Das Individuum tritt aus dem Chor heraus und fragt, auch an die Zuschauer gerichtet: Was kann eine Masse bewegen?" Damit umschreibt Schmieder in etwa, was das Publikum vom "Produkt", das der NNU aus Müllers "Rohstoff" macht, mit nach Hause nehmen soll.



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